Rede des Niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff


1. Begrüßung, Glückwünsche

Herzlichen Dank für die Einladung und die freundliche Begrüßung.
Zur heutigen Feier des 90‑jährigen Bestehens des Unternehmens Otto Bock bin ich gerne nach Duderstadt in das historische Rathaus gekommen und überbringe Ihnen, Herr Professor Näder, und Ihrer Familie sowie den Beschäftigten des Unternehmens die herzlichsten Glückwünsche im Namen der niedersächsischen Landesregierung!

Im Jahr 1919 – direkt nach dem Ersten Weltkrieg – gründete Otto Bock das Unternehmen in Berlin, um körperlich behinderten Menschen – wie er selbst sagte – „mit dem Zweckmäßigsten und Modernsten auf dem Gebiet der Orthopädie-Technik wirklich schnell und nachhaltig zu dienen“.

Nach einigen Jahrzehnten in Thüringen am Standort Königsee wurde die Fabrik drei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg entschädigungslos enteignet. So verlegte das Unternehmen 1948 seinen Sitz nach Duderstadt ins Eichsfeld. Es war ein Neuanfang in Niedersachsen, der nach allen Maßstäben mehr als geglückt ist.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Heute ist das Unternehmen Otto Bock mit ca. 1.200 Beschäftigten der größte gewerbliche Arbeitgeber im südniedersächsischen Raum.

Der Name Otto Bock steht für eine weltweit operierende Firmengruppe mit einer umfang­reichen Produktpalette in den Bereichen Gesundheit, Kunststoffe und Informations­technologie.

Wir sind stolz darauf, dass das Unternehmen Otto Bock einen festen Platz auf der technologischen und industriellen Landkarte Niedersachsens einnimmt. Das ist nicht zuletzt auch das persönliche Verdienst von Ihnen, Herr Professor Näder!

2. Zukunftsmarkt Medizintechnik

Die Medizintechnik ist ein Zukunftsmarkt, der durch Faktoren wie eine rasch wachsende und alternde Bevölkerung, eine stärkere Professionalisierung und Kommerzialisierung von Gesundheits- und Pflegeleistungen sowie weiterhin steigende Gesundheitsausgaben positiv beeinflusst wird – in Entwicklungsländern durch wachsende Patientenzahlen, in Industrieländern durch die Nachfrage nach modernsten Behandlungsmethoden bzw. durch den Trend zu privat finanzierten Eingriffen. Schätzungen gehen für den Zeitraum bis 2010 von einer langfristigen jährlichen Wachstumsrate des Weltmarktes für Medizintechnik aus.

Die deutschen Hersteller im Bereich Optik, Medizintechnik und Mechatronik haben sich seit jeher auf die Produktion von spezialisierten High-Tech-Produkten made in Germany konzentriert. Spezialisierungen ermöglichen maßgeschneiderte Problemlösungen. Dies macht diese Branche zu einem der innovativsten und leistungsfähigsten Zweige der deutschen Wirtschaft überhaupt.

Auch in Niedersachsen ist die Gesundheitswirtschaft längst ein wichtiger Wirtschaftsfaktor mit erheblichem Zukunftspotenzial geworden. Jeder neunte Erwerbstätige im Land Niedersachsen ist in der Gesundheitswirtschaft beschäftigt.

3. Otto Bock – ein mittelständisches Unternehmen

Wie in der Informationstechnologie bilden kleine und mittelständische Unternehmen das Rückgrat der Medizinprodukte-Industrie.
Über den Mittelstand kann man viel Positives sagen in Deutschland, vor allem in Niedersachsen, da der Mittelstand (kleine und mittlere Betriebe nach der EU Definition) – rational betrachtet –die überwiegende Zahl, nämlich 99,6 % aller Betriebe, ausmacht, mit 71,5 % den überwiegenden Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten umfasst und mit 78,5% aller niedersächsischen Ausbildungsplätze in überwältigender Weise die meisten Ausbildungsplätze zur Verfügung stellt.

Auch Otto Bock weist trotz seiner Größe die charakteristischen Merkmale mittelständischer Unternehmen auf: Der Mittelstand ist geprägt von Familienunternehmen. Diese inhabergeführten Unternehmen sind der Stabilisator und auch der Kern unserer sozialen Marktwirtschaft. Die inhabergeführten Unternehmen treiben mit großer sozialer Verantwortung die Entwicklung Ihrer Unternehmen voran. Sie haben eine hohe Standorttreue. Dies ist ein Vorteil für unseren Wirtschafts­standort. Gleichzeitig ist es aber auch eine Verpflichtung für uns Politiker, den mittelständischen Unternehmen die richtigen Rahmenbedingungen zu liefern.

Niedersachsen hat in den vergangenen Jahren eine erfolgreiche Politik betrieben, um die Investitionsbedingungen zu stabilisieren. Haushaltskonsolidierung, Bürokratieabbau und eine Bildungsoffensive – unsere Politik hat sich insbesondere für Unternehmer und Arbeitnehmer ausgezahlt. Die Entwicklung in der Wirtschaft und auch auf dem Arbeitsmarkt belegt, dass wir in Niedersachsen erfolgreich unterwegs sind:

Wir hatten im Zeitraum von 2003 bis 2007 das viertstärkste Wachstum in Westdeutsch­land. Die Beschäftigung ist gestiegen und die Arbeitslosigkeit auf den niedrigsten Stand seit 16 Jahren gesunken.

Die Zahlen sagen aber nicht alles. Wenn ich an den niedersächsischen Mittelstand denke, assoziiere ich damit vor allem Innovation, Dynamik, Flexibilität und als wesentlichen Aspekt gesellschaftliche Verantwortung. Dies sind Eigenschaften, die unsere Wirtschaft auch in bewegten Zeiten zukunftsfähig machen.

4. Innovationskraft und Internationalität

Innovative Firmen sind die Sieger im internationalen Wettbewerb. Wir brauchen heraus­ragende Leistungen in Wissenschaft und Forschung, die konsequent in wirtschaftliche Ergebnisse umgesetzt werden. Global Player wie Otto Bock setzen mit einer konsequenten Investition in Forschung und Entwicklung neuer Produkte wichtige Akzente.

Das Unternehmen Otto Bock hat bereits frühzeitig und mit Weitsicht auf Internationali­sierung und kontinuierliche Steigerung seiner Innovationskraft gesetzt. Als internationales Unternehmen unterhält Otto Bock heute ein Netzwerk von weltweit 38 Vertriebs- und Servicestandorten und Exportkontakte in 140 Ländern dieser Erde. Bereits 1958 wurde mit Minneapolis in den USA die erste Otto Bock Auslandsniederlassung gegründet und der Siegeszug zum Global Player begonnen.

Aber es sind nicht nur die weltweiten Standorte, die das Unternehmen global so erfolg­reich machen: Kaum ein mittelständisches Unternehmen hat in vergleichbarer Weise wie Otto Bock in den letzten 20 Jahren seine Chancen genutzt und Potenziale ausgeschöpft.

Neben dem klaren Bekenntnis zum Eichsfeld und zur Region Südniedersachsen hat die Unternehmensführung es verstanden, Ökonomie und Ökologie miteinander zu verbinden, technische Innovationen für eine erfolgreiche Zukunft anzugehen und Herausforderungen wie die Globalisierung aktiv anzugehen. Für Niedersachsen insbesondere ist wichtig, dass das Unternehmen damit einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung Südniedersachsens und damit des Landes insgesamt leistet.

5. Engagement für die Paralympics

Wie selbstverständlich ist gesellschaftliches Engagement? Einst ein Thema für Wirtschafts­ethiker steht die Frage heute auf der Tagesordnung von internationalen Organisationen, von Politik und Wissenschaft und natürlich in den Unternehmen selbst. Keiner sollte es unterschätzen: Das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen wird immer mehr zu einem Wettbewerbsfaktor.

Nach und nach scheint sich bei den Akteuren das Verständnis durchzusetzen, dass gelebte Verantwortung nicht allein in den Grenzen einzelner, wirtschaftlich gut organi­sierter Projekte erfolgen kann. Gesellschaftliche Mitverantwortung muss sich ergänzend wie ein roter Faden durch ein Unternehmen ziehen. Sie ist als Grundhaltung nur glaub­würdig, wenn sie vor allem von Führungskräften vertreten wird. Die Arbeitsbedingungen, der Umgang miteinander, die Strategien – sie alle müssen davon geprägt sein.

Mit seiner Unternehmensphilosophie und gelebten Unternehmenskultur ist Otto Bock längst dort, wo andere noch diskutieren und erst noch hinkommen wollen.

Antoine de Saint Exupery hat das einmal schön auf den Punkt gebracht, "Es gibt nur eine wahrhafte Freude: den Umgang mit Menschen."

Der Name Otto Bock steht heute nicht nur für hochwertige und zukunftsweisende Produkte in der Medizintechnik, für Marktnähe, globale Vernetzung und Dienstleistung, sondern auch und vor allem für menschliche Nähe. Ein gutes Beispiel sind die Paralympischen Spiele in Peking: Das Otto Bock Team hat mit 136 Orthopädietechnikern aus 19 Ländern bei den Paralympics 2188 Arbeitseinsätze bewältigt.

Diese Zahlen sind allein schon sehr beeindruckend. Dahinter steht die tatsächliche Leistung von Unternehmen und Mitarbeitern, die nicht erst mit dem Bau der Otto Bock Werkstatt und den Service-Stationen an 13 Wettkampfstätten begonnen hat. Denn neben ihrer technologischen Kompetenz als Weltmarktführer im Bereich Prothetik sowie führender Anbieter von Orthetik und Hightech-Rollstühlen haben die wahrhaft multi­kulturellen Mitarbeiter von Otto Bock auch ihre persönliche Begeisterung für den Sport und die Athleten mitgebracht.

Diese Begeisterung für ihren Beruf und die damit verbundene Dienstleistung am Menschen ist kein Zufall. Sie geht auf eine jetzt 90-jährige Unternehmenstradition zurück, die mit dem Mut und Pioniergeist Otto Bocks begann, mit dem Weitblick Max Näders fortgesetzt wurde, der den Grundstock für ein globales Netzwerk legte und das Konzept des „Lebenslangen Lernens“ effektiv für das Unternehmen einführte. Das herausragende Engagement Prof. Hans Georg Näders für den technischen Fortschritt und humanitäre Unterstützung, nicht nur im Bereich der Sportförderung, ist beispielhaft, gar nicht zu reden von den Tätigkeiten der Otto Bock Stiftung.

Es hat mich daher ganz besonders gefreut zu erfahren, dass die Kooperation von der Otto Bock Gruppe und dem Internationalen Paralympischen Komitee bis 2012 fortgesetzt wird. Ich sage daher – wie viele deutsche und nichtdeutsche Athleten in Peking vor mir – auch im Namen Niedersachsens: „Ein herzliches Dankeschön, Otto Bock!“

6. Ausblick

Die Prognosen für das nächste Jahr reichen von einem moderaten Wachstum über Stagnation bis hin zu einer deutlichen Negativentwicklung. Eine solche Bandbreite von Erwartungen hat es selten in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben. Sie ist ein Symptom dafür, wie groß die Verunsicherung und der Vertrauensverlust ist.

Und dennoch: Viele Branchen haben sich bisher als ungeheuer widerstandsfähig erwiesen. Das größte Problem sind die überzogen pessimistischen Erwartungen.
Deswegen zögern viele Bürger Käufe hinaus, werden Autos nicht bestellt und Investitionen verschoben. Es fehlt Vertrauen. Das prägt das wirtschaftliche Klima sehr stark.

Gerade in der aktuellen Situation dürfen wir die längerfristige Entwicklungsperspektive unserer Gesellschaft nicht aus dem Blick verlieren. Die kommenden Wochen und Monate werden entscheidend für den Weg sein, den Deutschland langfristig einschlägt. Ich sehe es als Aufgabe der Politik an, für diesen Prozess die bestmöglichen Rahmenbedingungen zu schaffen. In diesem Prozess werden die Unternehmen zur künftigen Gestalt von Staat und Wirtschaft ebenso beitragen wie Finanzwirtschaft und Banken.

Gebraucht werden Unternehmen wie Otto Bock, die über den Tellerrand des eigenen Unternehmens weit hinausblicken und ihre Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwesen offensiv und mit erfreulicher Tatkraft wahrnehmen.

Abschließend möchte ich Ihnen, Herr Professor Näder und Familie Näder, sagen, dass Sie stolz sein können auf den hinter Ihnen liegenden Weg. Sie haben das Unternehmen stetig dem Wandel der Zeit angepasst, haben die Augen vor Neuerungen nicht verschlossen und Ihre Verbundenheit zu dem Standort sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist vorbildlich.

In diesem Sinne wünsche ich der Otto Bock Gruppe und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die Zukunft weiterhin alles Gute!